Bericht über die 15. Ukrainefahrt der Kriegskindernothilfe e.V.

Bericht über die 15. Ukrainefahrt der Kriegskindernothilfe e.V.
30. Januar – 2. Februar 2025
Bereits zum fünfzehnten Mal war ein Team der Kriegskindernothilfe e.V. aus Warmensteinach vom 30. Januar bis zum 2. Februar 2025 mit einem humanitären Hilfstransport in der Ukraine. Ein Team bestehend aus 6 Freiwilligen aus Heidenheim, Bayreuth und Weidenberg brachte mit 3 Fahrzeugen samt Anhänger gut 5 Tonnen Hilfsgüter nach Lwiw (Lemberg) und nach Iwano-Frankiwsk. Wie immer war es eine Zeit mit ausgesprochen vielen Eindrücken und teils sehr persönlichen, berührenden Begegnungen.
Am 29. Januar wurden die Fahrzeuge von vielen fleißigen Helfern beladen. Hier war es wichtig, die Hilfsgüter gut sortiert zu verladen, denn in der Ukraine wurden gut geplant ganz verschiedene Stationen und Organisationen angefahren. Da müssen die jeweiligen Hilfsgüter schnell bei der Hand sein, es darf nicht lange gesucht werden. Durch die Erfahrung zahlreicher Fahrten ist das jedoch mittlerweile sprichwörtlich „kein Thema“ mehr. Und so konnten wir – das waren Sven, Norbert, Raimund, Stephan,
Thomas und Florian – am 30. Januar gegen 16:45 auf die lange Fahrt gehen. Auch das ist mittlerweile Routine: Eine lange Fahrt durch die Nacht, von Weidenberg aus etwa 1000 km bis zur ukrainischen Grenze bei Korczowa. Auch wenn es anstrengend ist: Im Vordergrund steht nicht die Anstrengung, sondern der feste Wille, helfen zu wollen. Hilfe für ein Land, das mittlerweile seit nahezu 3 Jahren einen brutalen Angriffskrieg russischer Invasoren abwehrt. Selten war es notwendiger als gerade jetzt, denn die Lage in der Ukraine ist schwierig. Vereinzelt waren Stimmen zu vernehmen, wie „wir zögern unsere Niederlage nur hinaus“, viele Gesichter sind von Traurigkeit gezeichnet. Allerdings: Der Wille zu kämpfen ist ungebrochen und kämpfen bezieht sich dabei nicht nur auf die Front, sondern durchaus auch im übertragenen Sinne: Alle packen mit an, um zu helfen. Für uns von der Kriegskindernothilfe e.V. ist es diesbezüglich ein inneres Bedürfnis, unseren Teil dazu beizutragen. Routine sind auch die Grenzkontrollen an der EU-Außengrenze. Ein weiteres Mal hatten wir wohl Glück, denn nach einer guten Stunde waren wir „durch“ und in der Ukraine. Von der Grenze bis nach Lwiw sind es dann nur noch gut 80 km – sozusagen ein Katzensprung im Vergleich zur übrigen Strecke. In Lwiw trafen wir unsere Freunde Denis und Tetyana von der Hilfsorganisation „Gora Dobra“, mit denen wir unsere Fahrten in die Ukraine seit geraumer Zeit planen und koordinieren. Für die wenigen Tage war ein umfassendes Programm zu absolvieren, das im Rahmen dieses Berichts kurz umrissen und mit persönlichen Eindrücken angereichert werden soll.

Station 1: Sincerely Heart Foundation, Lwiw
Bevor wir am 31. Januar begannen, unsere Hilfsgüter zu verteilen, folgten wir der Einladung der Sincerely Heart Foundation in Lwiw. Diese führt sogenannte „Recovery Camps“ für vom Krieg schwer traumatisierte Kinder z.B. aus den Frontgebieten oder solche, die durch den Krieg ein Elternteil – zumeist den Vater – verloren haben, durch. Im Rahmen eines 6-tägigen Camps erhalten sie professionelle psychologische Betreuung und spielerische Gruppentherapie. Die Maßnahme ist als Mutter-Kind-Kur konzipiert und findet im Ambiente eines Tagungshotels statt, um vom Alltag abschalten zu können. Ziel ist die psychoemotionale Stabilisierung der Teilnehmenden. Diese sollen dabei auch erkennen, dass sie zur Verarbeitung ihrer traumatischen Erfahrungen psychologische Betreuung benötigen. Bei Bedarf werden sie im Anschluss an ein Netzwerk von rund 3000 Psychologen in der ganzen Ukraine weitervermittelt. Das Camp ist für die Teilnehmer kostenfrei und sehr professionell organisiert. So erlebten wir etwa, mit welcher Energie und Begeisterung die Veranstalter bei der Sache waren und die dadurch aufflackernde Freude in den Augen der Kinder. Ein Anliegen unserer Gastgeber war, um finanzielle Unterstützung zu bitten. Wer sich dadurch angesprochen fühlt, kann unter Angabe des Verwendungszwecks „Ukraine – Recovery Camp“ direkt an die Kriegskindernothilfe spenden. Aus unserer Sicht ist die Arbeit der Sincerely Heart Foundation immens wichtig, denn dieser Krieg wird auch nach seinem Ende lange nachwirken und eine traumatisierte Generation zurücklassen.

Station 2: Nova Poshta, Lwiw
Nächste Station am 31. Januar war dann eine Poststation in Lwiw (Nova Poshta #26). Gemeinsam mit Denis und Tetyana von unserer Partnerorganisation „Gora Dobra“ haben wir zahlreiche Paletten mit Kleidung, Spielsachen, Bettwäsche, Sonden- und Babynahrung, Decken sowie einen brandneuen Generator versendet. Städte wie etwa Saporischschja, Wynnizia und Charkiw, die wir in unseren Breiten aus den Medien kennen, waren die Zielorte unserer Sendungen. Eine logistisch komplexe Aktion, die insbesondere von Tetyana hervorragend vorbereitet und organisiert war. In Bezug auf die Hilfsgüter ist es wichtig zu wissen, dass wir nicht einfach irgendwelche Hilfsgüter versenden, sondern nur solche, die vor Ort tatsächlich gebraucht werden. Die Bedarfe bekommen wir über „Gora Dobra“, die ihrerseits sicherstellt, dass alle staatlichen Anforderungen für Hilfeleistungen erfüllt sind – und das sind mittlerweile viele! Immer wieder gibt es neue Gesetze, die es zunehmend schwieriger machen, direkt zu helfen, da
der bürokratische Aufwand immer weiter zunimmt. An und für sich unverständlich, jedoch ein Sinnbild für das nach wie vor undurchsichtige und teils korrupte politische System in der Ukraine.

Station 3: Kreiskrankenhaus, Iwano-Frankiwsk
Am nächsten Tag, dem 1. Februar, machten wir uns am Morgen auf den Weg in die etwa 130 km südöstlich gelegene Oblasthauptstadt Iwano Frankiwsk. Bedingt durch die mitunter schlechten Straßenverhältnisse dauert die Fahrt dorthin gut 2 ½ Stunden. Im dortigen Krankenhaus, ein einst von der DDR errichteter Plattenbau, werden an der Front verwundete Soldaten nach ihrer Erstversorgung in Stabilisierungspunkten und Frontkrankenhäusern weiter behandelt. Je nach Schwere ihrer Verletzung verbringen manche dort ein paar Wochen, andere hingegen Monate oder sogar Jahre. Unter recht
einfachen Bedingungen werden die verletzten Soldaten versorgt, wobei es an vielem fehlt. Entsprechend herzlich wurden wir empfangen und unsere Hilfsgüter (z.B. Krankenbetten, Matratzen, Hygieneartikel und medizinisches Verbrauchsmaterial) mit großer Freude entgegengenommen. Neben der medizinischen Versorgung werden dort verstärkt auch psychologisch-therapeutische Maßnahmen angeboten – meistens von freiwilligen Helfern und Psychologen.

Auf diesem Wege sollen die verletzten Soldaten dabei unterstützt werden, einen Weg zurück ins Leben zu finden, in vielen Fällen ein sehr schwieriges Unterfangen. Dennoch scheint es zu gelingen, wovon wir uns im Gespräch mit zwei verletzten Soldaten überzeugen konnten. Aufrüttelnd war zudem der Eindruck von Viktor, einem Soldaten, der vor mehr als zwei Jahren bei Saporischschja von einer Granate getroffen und
schwer verwundet wurde. Viktor ist seitdem halbseitig gelähmt und bettlägerig. Durch die Schwere seiner Verletzungen ist er dringend auf die Infusionslösung Albumin angewiesen, die der Stabilisierung des Kreislaufs dient und im Fall von Viktor lebenserhaltend wirkt. Diese Infusionslösung ist für ukrainische Verhältnisse sehr teuer und vor allem nur schwer zu bekommen. Wir wollen über unsere Netzwerke versuchen, hier zu unterstützen. Wer für die Versorgung von Viktor spenden möchte, kann dies unter dem
Stichwort „Ukraine – Viktor“ direkt an die Kriegskindernothilfe tun.

Station 4: Hospiz, Iwano-Frankiwsk
Nach dem Besuch des Krankenhauses fuhren wir weiter zu einem privat betriebenen Hospiz – ebenfalls in Iwano-Frankiwsk. Es ist frappierend: Für den Kreis Iwano-Frankiwsk gibt es staatlicherseits nur 4 Hospizplätze, was bei weitem nicht ausreicht. Allein in dem von uns besuchten Hospiz werden mehr als 20 Menschen in schwierigsten Lebenslagen liebevoll betreut – auch, um ihnen einen guten Übergang zu ermöglichen. Unermüdlich sind Ärzte und Pfleger unter sehr einfachen und räumlich beengten Bedingungen im Einsatz. Dankbar wurden auch hier unsere Hilfsgüter entgegengenommen und es wurde mehrfach betont, wie wichtig und notwendig diese Hilfe ist.

Station 5: Poliklinik bei Iwano-Frankiwsk
Es dunkelte bereits, als wir am 1. Februar zu unserer letzten Station aufbrachen, einer Poliklinik etwas außerhalb von Iwano-Frankiwsk. In dieser Klinik erfolgt die Anschluss behandlung verletzter Soldaten. Sie werden nach einer Stabilisierungsphase etwa aus dem oben erwähnten Kreiskrankenhaus dorthin verlegt. In Anbetracht der fortgeschrit tenen Zeit blieb hier leider wenig Möglichkeit für Austausch und Gespräche, so dass wir unsere Hilfsgüter übergaben, uns kurz einen Eindruck verschafften und uns dann
bereits auf den erneut langen Rückweg nach Lwiw machten. Ein ereignisreicher und sehr erfolgreicher Tag neigte sich damit seinem Ende entgegen.

Station 6: Tactical Medicine West, Rudno
Der 2. Februar war bereits unser letzter Tag in der Ukraine. Auf dem Programm stand zunächst ein Besuch bei alten Freunden aus den ersten Tagen des Ukraine-Hilfsprojekts in Rudno (einem Vorort von Lwiw). Natürlich kamen wir nicht mit leeren Händen: 95 Feuerlöscher, die wir im Auftrag transportiert hatten, sowie taktisches Erste-Hilfe-Material konnten wir an Vira und Yuri von „Tactical Medicine West“ übergeben. Die Feuerlöscher werden an Kinderkrankenhäuser in den Kriegs- und Krisengebieten wei-
tergegeben. Bei einem guten Kaffee tauschten wir anschließend Gedanken zur Ein-
schätzung der aktuellen Lage aus.

Station 7: „Wild Vepry“, Lwiw
Als letzte Station unserer Ukrainefahrt durften wir noch Yura und Taris aus Lwiw bei ihrem Einsatz über die Schulter schauen: Die beiden ukrainischen Freiwilligen nennen sich „Wild Vepry“ (frei übersetzt „Die Wildschweine“) und sind unermüdlich im Einsatz, große und kleine Erste-Hilfe-Rucksäcke für Frontsanitäter und -ärzte zu packen und zu verschicken. Unglaubliche 443 Rucksäcke, vollgepackt mit lebensrettender Ausrüstung, haben sie in ihrer Freizeit bereits gepackt und verschickt. Beeindruckend! Dies war dann auch schon die letzte Station unserer Ukrainefahrt und es wurde Zeit für unser Team, die Heimreise anzutreten.

Wir danken von Herzen allen beteiligten Helfern in Deutschland und der Ukraine, die zum Erfolg der Reise beigetragen haben. Es ist unmöglich, alle einzeln namentlich zu nennen, jedoch ist klar: Ohne euch wäre diese Fahrt schlicht nicht möglich gewesen.

DANKE!

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Du hast eine klare Haltung zum Kriegsgeschehen in der Ukraine und suchst nach einer Möglichkeit, direkt und wirksam zu helfen? Dann spende unter dem Stichwort „Ukraine“ direkt an die Kriegskindernothilfe e.V.

IBAN: DE68 7645 0000 0430 0001 17

Im Namen der Kriegskindernothilfe e.V.,
Florian Hempler

Das Fahrerteam der Kriegskindernothilfe e.V.

© Foto Florian Hempler